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Ein Handelsstillstand zwischen den USA und Indien: Dauerhafter Kompromiss oder kurze Atempause?

3 Min. Lesezeit
Modi and Trump
Photo: Getty Images via The Economist

Zollsenkungen als Signal der Deeskalation

Nach einer längeren Phase handelspolitischer Spannungen haben die Vereinigten Staaten und Indien Schritte zur Entschärfung ihres Konflikts angekündigt. Am 2. Februar erklärte Präsident Donald Trump, Washington habe sich bereit erklärt, die Zölle auf indische Waren deutlich zu senken. Im Gegenzug, so Trump, werde Neu-Delhi seine Energiepolitik anpassen – insbesondere im Hinblick auf Ölimporte.

Nach den vom Präsidenten skizzierten Bedingungen soll der sogenannte „reziproke“ Zollsatz auf indische Exporte in die USA von 25 % auf 18 % sinken. Eine zusätzliche Abgabe von 25 %, die im vergangenen August als Strafmaßnahme im Zusammenhang mit Indiens Käufen von russischem Öl eingeführt worden war, soll vollständig aufgehoben werden.

Zurückhaltung Neu-Delhis und unterschiedliche Darstellungen

Indiens Premierminister Narendra Modi bestätigte zwar die Senkung der Zölle, vermied jedoch Stellungnahmen zu mehreren zentralen Punkten der amerikanischen Darstellung. Er bestätigte weder Trumps Behauptung, Indien habe sich verpflichtet, die Importe amerikanischer Energie- und Agrarprodukte auf bis zu 500 Mrd. Dollar auszuweiten, noch äußerte er sich öffentlich zu einem möglichen Stopp der Einfuhren von russischem Öl.

Nach Einschätzung von The Economist spiegelt diese Zurückhaltung den Wunsch Neu-Delhis wider, politischen Handlungsspielraum zu bewahren. Energie und Landwirtschaft gelten in Indien als besonders sensible Politikfelder, in denen offene Zugeständnisse innenpolitisch riskant wären.

Russisches Öl als zentraler Konfliktpunkt

Der umstrittenste Aspekt der Verhandlungen bleibt Indiens Import von Öl aus Russland. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat sich Indien zu einem der größten Abnehmer russischen Rohöls entwickelt und dabei von erheblichen Preisnachlässen profitiert, die durch westliche Sanktionen entstanden sind. Das günstige Öl half Neu-Delhi, steigende Kraftstoffpreise und Inflation zu begrenzen, und wurde damit zu einem wichtigen Stabilitätsfaktor für die Wirtschaft.

In Washington wird diese Politik jedoch anders bewertet. Präsident Trump hat wiederholt argumentiert, dass der Kauf russischen Öls „faktisch den Krieg finanziere“. Dieses Argument diente als Grundlage für die Einführung der zusätzlichen Zölle auf indische Waren. Damit wurden Indiens Energiebeziehungen zu Russland zu einem Instrument innerhalb der breiteren handelspolitischen Strategie der USA.

Nach Ansicht von The Economist befindet sich Indien in einem Spannungsfeld zwischen geopolitischen Erwartungen des Westens und eigenen pragmatischen Interessen. Neu-Delhi hat sich geweigert, sich den Sanktionen gegen Moskau anzuschließen, und pocht auf sein Recht, seine Energieversorgung eigenständig zu gestalten. Gleichzeitig führt die wachsende Abhängigkeit von russischem Öl zunehmend zu politischen und wirtschaftlichen Kosten – insbesondere im Verhältnis zu den USA und Europa.

In den vergangenen Monaten mehren sich Anzeichen einer vorsichtigen Kurskorrektur. Weniger russische Tanker laufen indische Häfen an, und der indische Ölminister Hardeep Singh Puri deutete an, dass die Importe von alternativen Lieferanten, darunter Venezuela und Staaten des Nahen Ostens, ausgeweitet werden könnten. Dabei geht es jedoch eher um schrittweise Diversifizierung als um einen abrupten Bruch.

Wirtschaftliche Folgen: begrenzte, aber relevante Entlastung

Für Indien dürfte die Entspannung im Handel mit den USA eher symbolische und investitionsbezogene Bedeutung haben als einen unmittelbaren wirtschaftlichen Durchbruch bringen. Das Land hat den Zolldruck vergleichsweise gut verkraftet: Indien ist – abgesehen von einzelnen Nischen wie Textilien oder Edelsteinverarbeitung – kein großer Exporteur industrieller Güter. Zentrale Produkte wie Smartphones und Generika waren von den Zöllen ausgenommen.

Gleichwohl schmälerten die Maßnahmen Indiens Chancen, von der Neuordnung globaler Lieferketten zu profitieren, als multinationale Unternehmen ihre Abhängigkeit von China verringern wollten. Analysten der HSBC schätzten zuvor, dass die kombinierten US-Zölle das jährliche Wirtschaftswachstum Indiens um rund 0,7 Prozentpunkte drücken könnten.

Politischer Hintergrund und vorsichtige Annäherung

Die Beziehungen zwischen Washington und Neu-Delhi verliefen in Trumps zweiter Amtszeit wechselhaft. Sein Wahlsieg 2024 wurde in Indien zunächst positiv aufgenommen, und im Februar 2025 erörterten Trump und Modi in Washington Pläne zur Ausweitung des Handels. Später gerieten die Gespräche jedoch ins Stocken, und die Einführung der Zölle verschlechterte das Klima deutlich.

Zusätzliche Spannungen entstanden durch Trumps Behauptung, er habe im Mai 2025 eine entscheidende Rolle bei der Beilegung eines Konflikts zwischen Indien und Pakistan gespielt – eine Darstellung, die indische Regierungsvertreter entschieden zurückwiesen. Erst in den vergangenen Monaten begann sich der Dialog wieder zu stabilisieren, unter anderem durch die Ernennung eines neuen US-Botschafters in Neu-Delhi.

Marktreaktionen und die entscheidende Frage

Die Finanzmärkte reagierten vorsichtig optimistisch auf die Nachrichten über den Handelsstillstand. Im vergangenen Jahr gehörte die indische Rupie zu den schwächsten großen Währungen gegenüber dem Dollar, nicht zuletzt wegen des Rückzugs ausländischer Investoren. Nach Trumps Ankündigung wertete die Rupie auf, während der GIFT-Nifty-Index, der Futures auf große indische Unternehmen abbildet, zulegte.

Indien hat die handelspolitische Auseinandersetzung mit den USA insgesamt relativ gut bewältigt. Die entscheidende Frage ist nun, ob das aktuelle Tauwetter Bestand haben wird. Viel wird davon abhängen, wie weit Neu-Delhi bereit ist, seine Energiebeziehungen zu Russland neu auszurichten – und wie lange Washington diese Schritte als ausreichend betrachtet.


Dieser Artikel wurde auf Grundlage von bei The Economist veröffentlichten Informationen erstellt. Der vorliegende Text stellt eine eigenständige Bearbeitung und Interpretation dar und erhebt keinen Anspruch auf die Urheberschaft der ursprünglichen Inhalte.

Das Originalmaterial ist unter folgendem Link einsehbar: The Economist.
Alle Rechte an den ursprünglichen Texten liegen bei The Economist.

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