Entfernung aus dem Register und digitale Isolation
Die russischen Behörden haben den Zugang zu WhatsApp, dem Messaging-Dienst des Unternehmens Meta, massiv eingeschränkt und die Plattform damit faktisch aus dem digitalen Raum des Landes verdrängt. Umgesetzt wurde dieser Schritt durch die Entfernung des Dienstes aus dem offiziellen Online-Register, das von Roskomnadzor geführt wird.
Dieser Schritt kommt einer nahezu vollständigen Blockade gleich: Ohne aufwendige technische Umgehungslösungen ist der Zugang zur App kaum noch möglich. Anders als frühere Maßnahmen, bei denen die Plattform lediglich verlangsamt wurde, handelt es sich nun um eine tiefgreifendere und systematische Abschaltung.
Bis vor Kurzem gehörte WhatsApp mit mehr als 100 Millionen Nutzern zu den meistverwendeten Kommunikationsdiensten im Land.
Druck zugunsten eines „nationalen Messengers“
Nach Einschätzung der Financial Times stellen die Maßnahmen Moskaus den Höhepunkt monatelanger Bemühungen dar, Nutzer auf einen staatlich unterstützten Alternativdienst namens Max umzulenken.
Max wurde im vergangenen Jahr offiziell zum „nationalen Messenger“ erklärt. Die App gehört zum sozialen Netzwerk VKontakte (VK), das von Kreisen kontrolliert wird, die dem Kreml nahestehen.
Funktional ähnelt Max dem chinesischen Dienst WeChat, da er Messaging-Funktionen mit staatlichen Serviceangeboten kombiniert. Im Unterschied zu WhatsApp bietet Max jedoch keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, was Fragen hinsichtlich der Vertraulichkeit der Kommunikation aufwirft.
Reaktion von Meta und weitere Einschränkungen
Meta erklärte, die russische Regierung versuche, WhatsApp vollständig zu blockieren, um Nutzer zu einer staatlich kontrollierten Überwachungs-App zu drängen. Das Unternehmen betonte, die Isolation von mehr als 100 Millionen Menschen von sicherer und privater Kommunikation sei „ein Rückschritt und verringere die Sicherheit“.
Zuvor hatten die russischen Behörden bereits den Zugang zu weiteren Meta-Plattformen — Facebook und Instagram — eingeschränkt, nachdem diese als „extremistisch“ eingestuft worden waren. Sie sind nur noch über VPN-Dienste erreichbar. Analysten berichteten zudem über eine spürbare Verschlechterung des Zugangs zu YouTube, wobei eine vollständige Entfernung aus offiziellen Registern bislang nicht eindeutig bestätigt wurde.
Druck auf Telegram und innenpolitische Bedenken
Auch Telegram, einer der populärsten Messenger des Landes, insbesondere für Nachrichtenkonsum, ist von Einschränkungen betroffen. Sein Gründer, Pavel Durov, kritisierte die neuen Maßnahmen öffentlich und erklärte:
„Die Einschränkung der Freiheit der Bürger ist niemals die richtige Antwort. Telegram steht für Meinungsfreiheit und Privatsphäre – unabhängig vom Druck.“
Versuche, Telegram zu beeinträchtigen, stießen selbst bei kremlnahen Akteuren auf Kritik. Die Plattform wird sowohl von russischen Soldaten an der Front als auch von Bewohnern grenznaher Regionen genutzt, die auf Warnmeldungen zu Drohnen- und Raketenangriffen angewiesen sind.
Der Gouverneur der Region Belgorod, Vyacheslav Gladkov, äußerte die Sorge, dass eine Verlangsamung von Telegram den Informationsfluss beeinträchtigen könnte, sollte sich die Sicherheitslage verschlechtern.
Schrittweise Verschärfung der Kontrolle
Die faktische Blockade von WhatsApp folgt einem Muster schrittweiser Verschärfungen. Bereits im vergangenen Sommer wurden „teilweise Einschränkungen“ eingeführt, die Sprachanrufe unmöglich machten. Im Dezember berichteten russische Medien, dass die Geschwindigkeit von WhatsApp um 70 bis 80 Prozent gedrosselt worden sei.
Diese Maßnahmen fielen mit allgemeinen Verlangsamungen des Internets in Russland zusammen, die sowohl auf externe Angriffe auf die Infrastruktur als auch auf staatliche Eingriffe zurückgeführt werden.
Digitale Souveränität und Informationskontrolle
Der Versuch, ausländische Plattformen durch nationale Alternativen zu ersetzen, ist kein Einzelfall. Auch der Iran verfolgt eine ähnliche Strategie und baut lokale Dienste sowie ein nationales Informationsnetzwerk aus, das leichter staatlich überwacht werden kann.
Im russischen Fall überschneidet sich der Anspruch auf „digitale Souveränität“ zunehmend mit einer stärkeren Kontrolle des Informationsraums. Die nahezu vollständige Blockade von WhatsApp könnte einen Wendepunkt markieren — entweder hin zu einer vertieften digitalen Isolation oder zur Etablierung einer vollständig staatlich kontrollierten Kommunikationsinfrastruktur.
Dieser Artikel wurde auf Grundlage von bei The Financial Times veröffentlichten Informationen erstellt. Der vorliegende Text stellt eine eigenständige Bearbeitung und Interpretation dar und erhebt keinen Anspruch auf die Urheberschaft der ursprünglichen Inhalte.
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