Autor: Andrej Kalitin
Nach Angaben des Föderalen Forschungssoziologischen Zentrums der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), dessen Bericht den Titel „Wie lebst du, Russland?“ trägt, ist die „Klasse des begrenzten Konsums“ zur Grundlage der stabilen Entwicklung des Landes geworden. Diese soziale Gruppe umfasst 62 % der Bevölkerung.
Zur „Klasse des begrenzten Konsums“ zählen Menschen, deren Einkommen zur Deckung der Grundbedürfnisse reicht (Essen, Kleidung, Wohnung und Nebenkosten). Ersparnisse haben sie nicht; größere Anschaffungen (Haushaltsgeräte, eigenes Fahrzeug) können sie nur auf Kredit tätigen. Diese „Klasse des begrenzten Konsums“ hat nichts mit der Mittelschicht im herkömmlichen Sinne gemein, die an Investitionen, Ersparnissen, der Bildung der Kinder, medizinischer Versorgung und finanzieller Unabhängigkeit orientiert ist. In Russland lebt fast zwei Drittel der Bevölkerung von Gehalt zu Gehalt, die große Mehrheit – auf Kredit.
Die „Klasse des begrenzten Konsums“ ist darauf ausgerichtet, ausschließlich für den Staat und in seinem Interesse zu arbeiten. Sie bildet den sozialen Kern, der das politische System Russlands zementiert. Der Staatssektor zahlt diesen Menschen die Löhne, und diese steigen. Wichtig ist ihnen nicht, besser als gestern zu leben, sondern zumindest nicht schlechter. Dieses Koordinatensystem hat eine politische Folgerung: Eine sozial aktive Mittelschicht und die Privatwirtschaft sind es gewohnt, politische Forderungen an die Behörden zu stellen und Wettbewerb, Privateigentum, Freiheiten und öffentliche Debatte als notwendige Voraussetzungen für Wachstum zu betrachten. Die „Klasse des begrenzten Konsums“, die im Modus „Kredit und Gehalt“ lebt, streitet nicht mit dem Staat. Sie hört einfach zu und isst.
Die Soziologen der RAN halten fest: Die Nachfrage nach einer Reform des politischen Systems und nach einer inneren Debatte über die Zukunft des Landes ist schlicht verschwunden. Die Mehrheit dieser kredit- und gehaltsabhängigen Schicht bewertet die bestehende Ordnung positiv. Doch das ist keine Unterstützung des politischen Kurses, sondern finanziell abgesicherte Loyalität.
Der hohe Anteil der „Klasse des begrenzten Konsums“ ist maßgeblich durch den Rückgang der Armut entstanden: Während Anfang der 1990er Jahre 16 % nicht genug für Lebensmittel hatten, sind es 2025 nur noch 3 %. Begrenzter Konsum hat sich für die ärmsten Bevölkerungsgruppen als Schritt nach vorn erwiesen. Die „Sondermilitäroperation“ (SVO) hat ihre finanzielle Lage nicht verschlechtert – im Gegenteil.
Das stetige Wachstum der „Klasse des begrenzten Konsums“ wird vom Staat höhere Haushaltsausgaben verlangen, die gegen Schweigen, Loyalität und wahlpolitische Unterstützung beliebiger Initiativen – einschließlich verbietender und repressiver Maßnahmen – eingetauscht werden. Gürtel enger schnallen und Daumenschrauben anziehen wirken sich auf den begrenzten Konsum nicht unmittelbar aus.
In dieser Matrix ist kein Platz für die Werte, die die Mittelschicht trugen und das Wachstum der 2000er Jahre antrieben: Politische Konkurrenz ist unterdrückt, private Initiative ist gefährlich, Debatte ist riskant. Eine Gesellschaft des „begrenzten Konsums“ lässt sich mit einem ebenso begrenzten Instrumentarium regieren: Angst, Verboten und Löhnen. Das Kernproblem: Ein solcher Gesellschaftstyp ist ausschließlich an der Befriedigung von Kredit- und Ernährungsbedürfnissen interessiert. In diesem Szenario sind Wachstum und Entwicklung des Landes schlicht ausgeschlossen.