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Der Krieg kehrt nach Hause zurück: Wie Angriffe auf Grenzregionen das Leben in Russland verändern

3 Min. Lesezeit
in Odessa
Anwohner begutachten die Folgen des Anschlags in Odessa am 13. Februar. Fotograf: Alexander Gimanov/AFP/Getty Images via Bloomberg

Belgorod als Symbol einer neuen Realität

Fast vier Jahre nach Beginn des groß angelegten Krieges in der Ukraine sind die Folgen des Konflikts zunehmend nicht nur jenseits der russischen Grenzen, sondern auch im eigenen Land spürbar. Während der Kreml die Kämpfe lange als etwas dargestellt hat, das vom Alltag der gewöhnlichen Russen weit entfernt sei, zeigen die Entwicklungen in den Grenzregionen ein anderes Bild.

Belgorod, eine Stadt mit rund 322.000 Einwohnern, nur etwa 40 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, ist zu einem der deutlichsten Beispiele geworden. Eine Reihe von Raketenangriffen hat die Energieinfrastruktur der Region schwer beschädigt. Die Zerstörungen sind so erheblich, dass einige Bewohner möglicherweise bis zum Ende der Heizperiode ohne Warmwasser auskommen müssen.

Nach Einschätzung von Bloomberg ist Belgorod zur sichtbarsten Illustration dafür geworden, wie sich die Frontlinie schrittweise näher an russisches Territorium heranschiebt – und dabei dieselben Bedrohungen für Versorgungsnetze und zivile Infrastruktur mit sich bringt, die seit 2022 den Alltag vieler ukrainischer Städte prägen.

Winter ohne Wärme und Licht

Der Winter verschärft die Krise zusätzlich. Die Temperaturen in der Region fallen auf bis zu minus 10 Grad Celsius, während andauernde Angriffe die Reparaturarbeiten erschweren.

Der Gouverneur der Region Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, berichtete, dass rund 80.000 Einwohner vorübergehend ohne Heizung waren. Etwa 3.000 Menschen verloren die Gasversorgung, und rund 1.000 Haushalte hatten keinen Strom. Die Behörden kündigten eine teilweise Evakuierung an: Kinder, kinderreiche Familien, alleinlebende ältere Menschen sowie Familien mit behinderten Kindern werden vorübergehend in benachbarte Regionen gebracht, bis sich die Lage stabilisiert.

Auch andere Grenzregionen stehen vor ähnlichen Problemen. In der Region Brjansk verbrachten die Bewohner ein Wochenende ohne Strom und Heizung nach dem, was Behörden als einen der größten Drohnenangriffe seit Beginn des Konflikts bezeichneten. Nach offiziellen Angaben wurden innerhalb eines halben Tages 120 Drohnen abgeschossen.

Die Region Kursk bleibt ebenfalls Ziel wiederholter Drohnenangriffe. Nach heftigen Kämpfen im vergangenen Jahr zur Rückeroberung von Gebieten, die bei einem überraschenden ukrainischen Vorstoß 2024 eingenommen worden waren, lebt die Region weiterhin unter ständiger Bedrohung.

Moskau spielt die Auswirkungen herunter

Trotz wachsender humanitärer Risiken betonen die föderalen Behörden in Moskau die Lage in den Grenzgebieten nur selten. Präsident Wladimir Putin äußert sich kaum öffentlich zur Situation dieser Regionen, und auch die nationalen Fernsehsender widmen dem Thema nur begrenzte Aufmerksamkeit.

Informationen über das Ausmaß der Zerstörungen stammen überwiegend von regionalen Verwaltungen und werden nur sporadisch veröffentlicht. Öffentliche Kritik an der obersten Staatsführung wegen der innenpolitischen Folgen des Krieges ist nahezu nicht zu hören.

Eine deutliche Parallele zur Ukraine

Während Schülerinnen und Schüler in den russischen Grenzregionen aufgrund der „instabilen Situation“ von den staatlichen Abschlussprüfungen befreit werden können, findet der Unterricht in vielen Teilen der Ukraine weiterhin in unterirdischen Schutzräumen statt, um Kinder vor Raketen- und Drohnenangriffen zu schützen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, dass Russland in der Woche vor geplanten internationalen Verhandlungen etwa 1.300 Angriffsdrohnen, mehr als 1.200 gelenkte Fliegerbomben und 50 Raketen gegen die Ukraine eingesetzt habe. Ziel seien erneut Energieanlagen und zivile Infrastruktur gewesen.

Selenskyj traf sich mit Vertretern aus Kyjiw sowie aus den Regionen Charkiw, Saporischschja, Poltawa und Sumy, um die Schäden zu bewerten und sich auf Gespräche mit europäischen Partnern und den Staaten der Gruppe der Sieben vorzubereiten.

Leben unter ständigem Alarm

In Belgorod gehören Warnmeldungen inzwischen zum Alltag. „Achtung! Raketenalarm!“ hallt regelmäßig über Lautsprecher durch die Stadt.

Natalja, eine 62-jährige Lehrerin, berichtet, dass Kinder inzwischen am Klang unterscheiden können, ob es sich um den Start einer Rakete, einen ankommenden Einschlag oder die Aktivität der Luftabwehr handelt.

„Schüler und Eltern leben in einem Zustand ständigen Stresses“, sagt sie.

Diese Worte spiegeln eine neue Realität für Zehntausende Russen wider. Ein Krieg, der lange als fern dargestellt wurde, verändert zunehmend das Leben in den eigenen Grenzregionen. Beschädigte Infrastruktur, Evakuierungen und Unterbrechungen bei Wärme- und Stromversorgung werden Teil der innenpolitischen Wirklichkeit.

Nach Einschätzung von Bloomberg könnten gerade diese Entwicklungen zu den bedeutendsten langfristigen Folgen des Krieges für die russische Gesellschaft zählen – weil die Frontlinie nicht mehr nur auf der Landkarte existiert, sondern im Alltag der Menschen spürbar wird.


Dieser Artikel wurde auf Grundlage von bei Bloomberg veröffentlichten Informationen erstellt. Der vorliegende Text stellt eine eigenständige Bearbeitung und Interpretation dar und erhebt keinen Anspruch auf die Urheberschaft der ursprünglichen Inhalte.

Das Originalmaterial ist unter folgendem Link einsehbar: Bloomberg .
Alle Rechte an den ursprünglichen Texten liegen bei Bloomberg .

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