Die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat dazu aufgerufen, die langjährige Ablehnung der Kernenergie zu überdenken, und gewarnt, dass die starke Abhängigkeit von Gas die Wirtschaft anfälliger für externe Schocks gemacht hat. Ihrer Ansicht nach hat die Entscheidung, die Kernkraftwerke stillzulegen — die nach der Fukushima-Katastrophe getroffen und in den letzten Jahren umgesetzt wurde — dazu geführt, dass Deutschland kaum noch Alternativen für die Grundlastversorgung hat.
„Wir brauchen Gas, um unsere Versorgung zu sichern — das ist die einzige Grundlastquelle, die ich noch habe“, sagte sie und fügte hinzu, dass es politisch derzeit „keine Alternative“ gebe.
Energiekrise erhöht den Druck auf die Wirtschaft
Nach Einschätzung der Financial Times haben steigende Energiepreise die Kernenergie wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatte in Deutschland gerückt. Seit Beginn des Krieges im Iran sind die Gaspreise in Europa um mehr als 60 % gestiegen — der zweite große Energieschock innerhalb von weniger als fünf Jahren.
Auch die Unterschiede bei den Strompreisen innerhalb der EU haben sich deutlich vergrößert: In Deutschland sind die Preise um ein Vielfaches höher als in Frankreich, wo die Kernenergie eine zentrale Rolle spielt.
Deutschlands Abhängigkeit von Gas hatte bereits einmal gravierende Folgen — nach dem Beginn des Krieges auf der Ukraine musste Berlin auf russische Pipeline-Lieferungen verzichten und auf teureres Flüssigerdgas umsteigen, das größtenteils aus den USA stammt.
Industrie unter Druck und Suche nach Alternativen
Anhaltend hohe Energiepreise belasten weiterhin die deutsche Industrie, die zugleich mit zunehmender Konkurrenz aus China konfrontiert ist. Laut offiziellen Daten sind die Gaskosten für Haushalte im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg stark gestiegen, ebenso wie die Strompreise.
Reiche räumte ein, dass die aktuelle Situation „eine erhebliche zusätzliche Belastung“ für energieintensive Branchen darstellt, die ohnehin unter Druck stehen.
Vor diesem Hintergrund verschärft sich die Debatte in Deutschland: Soll man weiterhin auf Gas setzen oder zur Entwicklung von Kerntechnologien zurückkehren? „Wir können sagen, dass uns das nicht interessiert und weiterhin von einer einzigen Energiequelle abhängig bleiben. Oder wir entscheiden uns, wieder Interesse an Technologie zu zeigen“, sagte sie.
Europa kehrt zur Kernenergie zurück
Während Deutschland noch über seine Strategie diskutiert, gehen andere europäische Länder bereits voran. Frankreich, Schweden und Polen investieren in neue Reaktoren oder verlängern die Laufzeiten bestehender Anlagen und sehen in der Kernenergie eine stabile, CO₂-arme Energiequelle.
Deutschland dürfe, so Reiche, nicht abseits stehen. Mit seiner ingenieurtechnischen Kompetenz sollte das Land an internationalen Projekten teilnehmen und gegebenenfalls in Kernenergieprojekte in Europa investieren.
„Wer am Spielfeldrand steht und nur kommentiert, verliert Einfluss. Wer mitspielen will, muss auf das Spielfeld“, betonte sie.
Investitionen als Schlüssel zur wirtschaftlichen Erholung
Der erneute Fokus auf die Energiepolitik kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland Schwierigkeiten hat, das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln. Trotz umfangreicher staatlicher Investitionsprogramme zur Modernisierung von Infrastruktur und Verteidigung bleibt die Wirtschaft unter Druck.
Vor diesem Hintergrund setzt die Regierung auf die Anziehung ausländischen Kapitals. Berlin wolle Deutschland als „sicheren Hafen“ für Investoren in Zeiten globaler Unsicherheit positionieren, so Reiche.
„Ich sehe keine Flucht vom Dollar … aber wir beobachten ein starkes Interesse von amerikanischen Investoren“, sagte sie.
Nach Einschätzung von Investoren, mit denen die Regierung Gespräche führt, bleibt Deutschland trotz struktureller Probleme aufgrund seiner starken industriellen Basis von großer strategischer Bedeutung.
Dieser Artikel wurde auf Grundlage von bei The Financial Times veröffentlichten Informationen erstellt. Der vorliegende Text stellt eine eigenständige Bearbeitung und Interpretation dar und erhebt keinen Anspruch auf die Urheberschaft der ursprünglichen Inhalte.
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