Warum diese beiden Beispiele in Moskau Aufmerksamkeit erregen
Russische Eliten verfolgen die Entwicklungen in Iran und Venezuela mit großer Aufmerksamkeit und betrachten beide Länder als mögliche Modelle dafür, wie herrschende Gruppen unter zunehmendem externem Druck und wachsender interner Krise handeln. Diese Fälle werden unter dem Blickwinkel von Risiken, Kosten und langfristigen Perspektiven analysiert — und zwangsläufig auf die mögliche Zukunft Russlands übertragen.
Im öffentlichen Raum gelten solche Vergleiche jedoch als unerwünscht. Üblicherweise wird betont, dass das russische politische System über deutlich größere Reserven an Stabilität, Ressourcen und institutioneller Widerstandsfähigkeit verfügt als Iran oder Venezuela. Deshalb spricht man selten offen über eine mögliche systemische Krise Russlands oder gar über einen baldigen Niedergang. Dennoch drängen sich die Parallelen von selbst auf.
Ein wichtiger beruhigender Faktor für das russische Establishment ist das Vorhandensein von Atomwaffen. Es wird allgemein angenommen, dass gerade dieser Faktor externen Druck nach venezolanischem oder iranischem Muster praktisch unmöglich macht. Gleichzeitig soll er die Verantwortung der Eliten erhöhen und mögliche Veränderungen eher in eine kontrollierte, nicht revolutionäre Richtung lenken.
Zwei Modelle: ausgehandelter Wandel oder geschlossene Mobilisierung
Wie ein politischer Stratege formulierte: „In diesem Jahr haben wir eine Weggabelung zwischen zwei Modellen gesehen.“
Das erste ist das venezolanische Modell. In dieser Interpretation bedeutet es eine Einigung innerhalb der Elite über den Austausch des Regimeführers, einen Kurs der Liberalisierung unter Beteiligung der bestehenden Eliten sowie eine Übergangsphase, in der sich das System schrittweise verändert, anstatt Institutionen und Verfahren abrupt zu zerstören. Das gegenwärtige venezolanische Regime verspricht in diesem Szenario Offenheit und Dialog mit dem Westen im Austausch für die Aufgabe seiner bisherigen außenpolitischen Strategie. Eine zentrale Voraussetzung dieses Modells ist der Zugang zu Einnahmen aus dem Ölverkauf sowie der Erhalt bestehender Geschäftsvermögen. Seine Schwäche besteht jedoch darin, dass das Endergebnis noch unklar ist: Es lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen, wie der Prozess ausgehen wird und welchen Preis er haben wird.
„Das andere Modell ist das iranische“, sagt der Stratege. „Das iranische Modell bedeutet eine Machtkontrolle durch die Sicherheitsdienste, eine vollständige Mobilisierung der Gesellschaft und den Übergang zu einer geschlossenen, halb konspirativen Form der Herrschaft. Die Strategie dieses Modells besteht im buchstäblichen physischen Überleben der Eliten. Man kann es sich als eine Art Ordensstaat vorstellen, der sowohl gegen die Außenwelt als auch gegen seine inneren Gegner oder Dissidenten kämpft. Es ist ein System totaler Abschottung und konspirativer Machtstrukturen.“
Die Überlebensstrategien der Eliten in diesen beiden Ländern unterscheiden sich erheblich. In beiden Fällen fehlt jedoch noch ein endgültiges Ergebnis, weshalb sich die Effektivität der jeweiligen Modelle derzeit kaum objektiv beurteilen lässt.
Welche Bedeutung diese Szenarien für Russland haben
Innerhalb der russischen Sicherheitselite wird das venezolanische Szenario äußerst negativ bewertet. Es gilt als Beispiel dafür, wie Eliten ihren eigenen Führer und wichtige Mitglieder der Machtelite opfern könnten, um ihre Positionen und ihr politisches Überleben zu sichern. Unklar bleibt jedoch, inwieweit diese Haltung von der gesamten Elite geteilt wird — insbesondere von Wirtschaftsgruppen und der zivilen Bürokratie. Die russische Geschichte zeigt, dass Eliten häufig eher den Weg des Kompromisses wählen, als bis zum bitteren Ende durchzuhalten.
Solche Diskussionen können zudem das Misstrauen innerhalb der herrschenden Kreise verstärken. Jeder Hinweis auf mögliche „Loyalität zum Westen“ oder Bereitschaft zu Kompromissen kann als potenzieller Verrat interpretiert werden und damit den Boden für innerelitäre Konflikte und Repressionen bereiten.
Das iranische Modell könnte dagegen ideologisch für manche attraktiver erscheinen. Doch innerhalb der Sicherheitsapparate, der zivilen Verwaltung und der Wirtschaft wird das iranische System oft eher als politisch und ästhetisch wenig attraktiv wahrgenommen.
In Iran hat sich faktisch ein System der Doppelherrschaft entwickelt: Ein erheblicher Teil der Ressourcen und der realen Macht konzentriert sich beim Korps der Islamischen Revolutionsgarden — einer sicherheitspolitischen Struktur, die einem Ordensstaat ähnelt — während zivile Institutionen eine eher untergeordnete Rolle spielen. Ergänzt wird diese Konstruktion durch eine religiöse Ideologie sowie durch das Konzept einer „Widerstandsökonomie“, das auf ein langfristiges Bestehen unter Sanktionen und äußerem Druck ausgerichtet ist.
In den letzten Jahren haben einige rechtsgerichtete Ideologen — insbesondere Alexander Dugin — verstärkt die Vorstellung propagiert, Russland müsse größere Autonomie gegenüber der Außenwelt entwickeln und bereit sein, unter anhaltender Konfrontation mit dem Westen zu leben. In diesem Rahmen erscheint die Idee einer „belagerten Festung“ durchaus organisch.
Gleichzeitig verfolgen russische Eliten die Entwicklungen in Iran und Venezuela mit wachsender Aufmerksamkeit. Für sie handelt es sich nicht nur um außenpolitische Beispiele, sondern auch um Gegenstand interner Reflexion — und möglicherweise um eine Vorschau auf eine zukünftige Wahl eines Modells für das Verhalten der Eliten in Russland selbst.


