Der russische Ölkonzern Lukoil ist in eine Krise geraten, nachdem die USA den Verkauf seiner Auslandsaktiva an den Rohstoffhändler Gunvor blockiert und das Unternehmen als „Marionette des Kremls“ bezeichnet haben. Laut der Financial Times gefährdet dieser Schritt Washingtons nicht nur das internationale Geschäft von Lukoil, sondern belebt auch die Spekulationen über eine mögliche Übernahme durch den staatlichen Konkurrenten Rosneft.
Wie die Zeitung berichtet, könnte das gescheiterte Geschäft Lukoil mindestens 14 Milliarden Euro an Vermögenswerten im Ausland kosten. Das Unternehmen hat nun bis zum 21. November Zeit, seine internationalen Tochtergesellschaften – die über Jahrzehnte aufgebaut wurden – entweder zu verkaufen oder abzuschreiben, während westliche Unternehmen eilig versuchen, die neuen US-Sanktionsvorgaben zu erfüllen und ihre Verbindungen zur russischen Energiewirtschaft zu kappen.
„Einige der ursprünglichen Bieter könnten erneut an den Tisch zurückkehren“, zitierte die Financial Times einen Insider des russischen Ölmarkts. „Aber die Eigentümer von Lukoil bereiten sich bereits darauf vor, dass ihre Vermögenswerte einfach von den Ländern beschlagnahmt werden könnten, in denen sie sich befinden.“
Rosnefts Chance
Nach Angaben der Financial Times kursieren in der russischen Energiebranche erneut Gerüchte über die lang gehegte Ambition von Rosneft-Chef Igor Setschin, Lukoil unter seine Kontrolle zu bringen. Quellen zufolge hat Präsident Wladimir Putin solche Versuche in der Vergangenheit wiederholt blockiert, doch die aktuelle Krise könnte nun ein „Fenster der Gelegenheit“ geöffnet haben.
„Setschin hat die Idee einer Übernahme von Lukoil nie aufgegeben“, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person. „Alle paar Monate geht er mit einem neuen Vorschlag nach oben – aber bisher ohne Erfolg.“
Analysten weisen darauf hin, dass die Sanktionen und der Verlust internationaler Märkte Lukoil in eine äußerst verwundbare Position gebracht haben. Der Inlandsmarkt wird von Rosneft und Gazprom Neft beherrscht, was für einen unabhängigen privaten Akteur kaum Spielraum lässt.
„Lukoil hat keine Zukunft mehr als unabhängiges Unternehmen“, sagte der ehemalige stellvertretende Energieminister Wladimir Milow. „Das ist ein Unternehmen mit gestutzten Flügeln.“
Bedrohung für das Auslandsgeschäft
Die größte Gefahr für Lukoil liegt in seinem umfangreichen internationalen Netzwerk von Vermögenswerten. Laut Financial Times beträgt deren Wert mindestens 14 Milliarden Euro, dazu kommen weitere sechs Milliarden Euro in Minderheitsbeteiligungen, die bislang nicht von den US-Sanktionen betroffen sind.
Das Unternehmen steht kurz davor, bedeutende Raffinerien und Vertriebsnetze in Europa zu verlieren. In Bulgarien hat das Parlament bereits den Export von Erdölprodukten verboten und damit den Weg für eine mögliche Verstaatlichung der Lukoil-Raffinerie geebnet, die etwa zehn Prozent des bulgarischen BIP erwirtschaftet. In Irak erklärte das Unternehmen höhere Gewalt und drohte, die Ölförderung einzustellen und das Projekt zu verlassen, falls die Situation innerhalb von sechs Monaten nicht gelöst werde.
Selbst in Ländern, die nicht direkt an die Sanktionen gebunden sind, suchen Regierungen nach Wegen, die nationalen Kontrollrechte über Lukoils Aktivitäten zu übernehmen, um ihre Abhängigkeit von russischer Energie zu verringern.
„Lukoil hat ein so weit verzweigtes und miteinander verflochtenes Netzwerk aufgebaut, dass sich jetzt eine regelrechte Pandora-Büchse geöffnet hat“, sagte Energieexperte Adi Imsirovic. „Die Koordination all dieser Vermögenswerte wird äußerst schwierig sein.“
Das Ende der privaten Unabhängigkeit
Nach Einschätzung der Financial Times könnte die Krise von Lukoil einen Wendepunkt markieren – das Ende der privaten Unabhängigkeit in der russischen Ölindustrie und den endgültigen Übergang zu einer staatlich dominierten Struktur. Sollte sich die Prognose der Experten bewahrheiten, könnte die Kontrolle über Lukoil bald an Rosneft übergehen und das Unternehmen vollständig in das staatliche Energiemodell integriert werden.
Dieser Artikel wurde auf Grundlage von bei The Financial Times veröffentlichten Informationen erstellt. Der vorliegende Text stellt eine eigenständige Bearbeitung und Interpretation dar und erhebt keinen Anspruch auf die Urheberschaft der ursprünglichen Inhalte.
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