Das Weiße Haus prüft eine härtere Option
Die Regierung von Präsident Donald Trump hat die Möglichkeit diskutiert, weitere Tanker zu beschlagnahmen, die am Transport iranischen Öls beteiligt sind. Bislang wurde jedoch davon abgesehen. Hintergrund sind Befürchtungen nahezu sicherer Vergeltungsmaßnahmen Teherans sowie möglicher Turbulenzen auf den globalen Energiemärkten.
Nach Angaben von US-Vertretern würde ein solcher Schritt eine Strategie ausweiten, die vor zwei Monaten in der Karibik gegen Schiffe im Zusammenhang mit Venezuela begonnen wurde. Nun richtet sich der Blick auf die sogenannte „Schattenflotte“ – ein Netzwerk von Schiffen, die Öl aus sanktionierten Staaten, darunter Iran, nach China und zu anderen Abnehmern transportieren.
Die „Schattenflotte“ und die rechtliche Grundlage für Beschlagnahmungen
Schifffahrtsanalysten schätzen, dass rund 1.000 Schiffe Teil dieser globalen Schattenflotte sind. Viele fahren unter Drittstaatenflaggen oder nutzen zweifelhafte Registrierungspraktiken, was es den USA ermöglichen könnte, in internationalen Gewässern Zuständigkeit geltend zu machen.
Das US-Finanzministerium hat in diesem Jahr bereits mehr als 20 Schiffe wegen ihrer Rolle beim Export iranischen Öls sanktioniert. Erst kürzlich wurden weitere 14 Tanker, registriert unter anderem in Barbados, Kamerun und Panama, sowie mehrere Reedereien auf die Sanktionsliste gesetzt.
Die Sanktionen schaffen die rechtliche Grundlage für mögliche Beschlagnahmungen. Das tatsächliche Entern und Umleiten eines Tankers wäre jedoch eine komplexe Operation, die den Einsatz von Marineschiffen und Personal zur Eskorte in einen sicheren Hafen erfordern würde.
Die Straße von Hormus – ein globaler Engpass
Das größte Abschreckungsmoment ist die wahrscheinliche Reaktion Irans. Teheran hat wiederholt gewarnt, im Falle einer Eskalation Schiffe von US-Verbündeten ins Visier zu nehmen oder sogar den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus zu stören. Durch diese Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem offenen Ozean passieren bis zu 25 Prozent der weltweiten Erdöllieferungen.
Schon eine teilweise Verminung der Passage könnte die Ölpreise stark steigen lassen und innenpolitische Folgen in den USA nach sich ziehen. Analysten weisen darauf hin, dass eine Wiederherstellung der sicheren Durchfahrt Zeit in Anspruch nehmen und eine umfangreiche militärische Reaktion erfordern könnte.
Verstärkte US-Militärpräsenz in der Region
Die Vereinigten Staaten verfügen bereits über eine erhebliche militärische Präsenz in der Region. Der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln operiert vor der Küste Omans, unterstützt von mehreren Lenkwaffenzerstörern. Auch die in Bahrain stationierte US-Küstenwache verfügt über Durchsetzungsbefugnisse im Rahmen der Sanktionen und könnte bei möglichen Boarding-Operationen eine zentrale Rolle spielen.
Kürzlich eskortierten US-Streitkräfte einen unter US-Flagge fahrenden Tanker, nachdem sich eine iranische Drohne und Patrouillenboote der Revolutionsgarden dem Schiff in der Straße von Hormus genähert hatten. Bislang bleibt der Schiffsverkehr in der Region laut verfügbaren Daten jedoch weitgehend stabil.
Wirtschaftlicher Druck statt direkter Militärschläge
Nach Einschätzung von The Wall Street Journal könnte das gezielte Vorgehen gegen Tanker in Washington als weniger riskante Alternative zu direkten Militärschlägen auf iranischem Territorium gelten. Ein militärischer Angriff könnte eine breitere Konfrontation auslösen, während eine Verschärfung der wirtschaftlichen Isolation durch die Unterbrechung der Ölexporte Teherans wichtigste Einnahmequelle trifft.
Präsident Donald Trump betonte, er bevorzuge eine diplomatische Lösung, halte sich jedoch mehrere Optionen offen, falls die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm scheitern sollten. Teheran zeigt sich zwar grundsätzlich gesprächsbereit, lehnt jedoch einen vollständigen Stopp der Urananreicherung sowie Gespräche über das Raketenprogramm ab – zentrale Forderungen Washingtons.
Der Faktor China
China ist der größte Abnehmer iranischen Öls und kauft das Rohöl mit Abschlägen von rund zehn US-Dollar pro Barrel unter dem Marktpreis. Nach dem Rückgang venezolanischer Lieferungen hat die Bedeutung iranischer Exporte für unabhängige chinesische Raffinerien weiter zugenommen.
Eine spürbare Störung iranischer Lieferungen hätte daher Auswirkungen weit über den Nahen Osten hinaus und würde auch die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt betreffen.
Zwischen Druck und Eskalationsrisiko
Die Option, Tanker zu beschlagnahmen, bleibt auf dem Tisch. Ihre Umsetzung könnte jedoch eine Kettenreaktion auslösen – von lokalen Zwischenfällen im Persischen Golf bis hin zu steigenden Ölpreisen und politischen Spannungen in Washington.
Das Weiße Haus scheint entschlossen, seinen Verhandlungsspielraum zu erweitern. Doch jeder Schritt hin zu härteren Maßnahmen erhöht das Risiko, dass sich die Region einer offenen militärischen Konfrontation nähert – mit potenziellen Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.
Dieser Artikel wurde auf Grundlage von bei The Wall Street Journal veröffentlichten Informationen erstellt. Der vorliegende Text stellt eine eigenständige Bearbeitung und Interpretation dar und erhebt keinen Anspruch auf die Urheberschaft der ursprünglichen Inhalte.
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