Angesichts eines chronischen Personalmangels greifen die Behörden zu immer härteren, jedoch weitgehend wirkungslosen Maßnahmen. Das Gesundheitsministerium bereitet eine umfassende Reform vor: Alle staatlich finanzierten Studienplätze an medizinischen Universitäten und Fachschulen sollen auf eine „Zielausbildung“ umgestellt werden – Absolventinnen und Absolventen wären verpflichtet, fünf Jahre oder länger im erlernten Fach zu arbeiten.
Gesundheitsreform per Dekret: Rückkehr zum Pflichtdienst nach sowjetischem Vorbild
„Das ist eine vollständige Rückkehr zur sowjetischen Praxis, die ihre Ineffektivität bewiesen und die Stagnation des sowjetischen Gesundheitswesens befördert hat. Russische Beamte treten wieder auf dieselbe historische Harke“, sagt der Dekan einer Moskauer Medizinhochschule unter der Bedingung der Anonymität.
Formal soll der Schritt den akuten Mangel an Ärztinnen/Ärzten und medizinischem Personal in russischen Einrichtungen lindern.
Anfang 2025 weisen offizielle Zahlen ein Defizit von mehr als 23.000 Ärztinnen und Ärzten sowie über 63.000 Kräften des mittleren medizinischen Dienstes aus. Rechnungshof und Gesundheitsministerium nennen unterschiedliche Werte, doch Fachleute sind sicher: Der tatsächliche Mangel liegt mindestens um das 1,5- bis 2-Fache höher. Bis 2030 könnte sich die Lage zwei- bis dreifach verschärfen – und das System faktisch an den Rand eines kritischen Zusammenbruchs der Gesundheitsversorgung bringen.
Die Ursachen der Personalnot sind offenkundig: niedrige Löhne und hohe Belastung. „Schon die offiziellen Zahlen reichen, um zu verstehen, dass das System aus allen Nähten platzt. In der Realität ist es noch schlimmer“, merkt einer der Gesprächspartner an. „Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte wechseln massenhaft von staatlichen Einrichtungen in private und ressortgebundene Kliniken oder nehmen Verträge für Einsätze in den sogenannten ‚neuen Gebieten‘ an“, sagt der Leiter des Gesundheitswesens in einer Region des Zentralrusslands.
Bildungswesen im Spiegel der Krise: Niedrige Löhne, hohe Belastung und Talentabwanderung
Ähnliche Probleme gibt es an den Schulen. Im Bildungssektor sind über 1,3 Millionen Menschen beschäftigt. Laut SuperJob könnte der Lehrkräftemangel bis zu 500.000 erreichen – so viele offene Stellen gibt es landesweit. Vorsichtigere Schätzungen sprechen von 100.000, doch selbst das ist kritisch. „Die Leute wechseln in die Wirtschaft, zur Rüstungsindustrie und in den öffentlichen Dienst. Für die Arbeit an Schulen gibt es wenig Anreize – geringe Bezahlung, hohe Belastung, Berge an Berichterstattung und ständige Beschwerden seitens der Schulleitungen und der Eltern“, berichtet der Vorsitzende einer regionalen Lehrergewerkschaft.
In pädagogischen Hochschulen wird die zielgebundene Ausbildung mit verpflichtender Dienstzeit bereits punktuell angewandt. Nun soll dieses Modell auch auf die Medizin ausgeweitet werden. „Das heißt, weder Ärztinnen/Ärzte noch Lehrkräfte dürfen mit substanziellen Gehaltserhöhungen rechnen. Der Staat will die Lücken durch Zwang stopfen“, erklärt eine Quelle.
Dieses Schema hat weitere Folgen. Absolventinnen und Absolventen, die wissen, dass sie mehrere Jahre zu Pflichtdienst in staatlichen Einrichtungen mit Minimalvergütung verpflichtet werden, verlieren die Motivation für berufliche Weiterentwicklung. Korruption könnte zunehmen und die Arbeitsethik weiter erodieren. De facto entsteht ein spätsowjetisches Modell: niedrige Arbeitsproduktivität, chronischer Personalmangel und Systemverfall.
Vor Ort ist das bereits sichtbar: In vielen Regionen erhält man halbwegs angemessene medizinische Versorgung in der Regel nur in Privatkliniken.
„Die Verantwortlichen in der sozialen Sphäre sehen keine realen Alternativen. Der administrative Druck wird nur zunehmen. Ohne eine Anhebung der Gehälter – um mindestens das 1,5- bis 2-Fache – ist die Lage nicht zu ändern. Darüber ist derzeit allerdings nicht einmal die Rede“, resümiert einer der Gesprächspartner.
„Uns fehlt es absolut an guten Lösungen vor dem Hintergrund eines kritischen Personalmangels. Medizin und Schule sind zu Zonen des Motivationsverlusts geworden; Ärztinnen/Ärzte und Lehrkräfte sind Berufe, die zwar im Rampenlicht stehen, tatsächlich aber vom administrativen Druck gebrochen sind. Nach Covid wurde der Ärzteberuf in den russischen Medien gefeiert, gleichzeitig haben die Behörden eine tiefe Kluft zwischen Ärztinnen/Ärzten und anderem medizinischem Personal zugelassen, Konfliktzonen bei der Bewertung der Bezahlung geschaffen, Normen erhöht und die Mediziner zu Geiseln bürokratischer Anforderungen gemacht“, sagt der Vorsitzende einer Gesundheitsgewerkschaft im Zentralen Föderationsbezirk.
Bei den Lehrkräften ist es genauso. „Die Beamten haben sie in Sozialarbeiter verwandelt, ausgestattet mit dem Funktionsauftrag staatlicher ‚Erziehung‘. Pädagoginnen und Pädagogen haben ihre ursprüngliche Mission verloren – sie sind zu Betreuerinnen und Betreuern geworden. Das hat zu einer Massenabwanderung aus den Schulen geführt“, sagt der Vorsitzende einer regionalen Lehrergewerkschaft.


