Russland versucht, die globale Knappheit bei Erdgas auszunutzen, indem es Flüssigerdgas (LNG) aus US-sanktionierten Anlagen an Länder in Südasien anbietet. Laut Bloomberg wurden diese Lieferungen in der vergangenen Woche mit Abschlägen von bis zu 40 % auf die Spotpreise offeriert. Quellen zufolge werden die Geschäfte über wenig bekannte Vermittlungsfirmen in China und Russland abgewickelt, wobei Verkäufer bereit sind, Dokumente bereitzustellen, die den Eindruck erwecken sollen, das Gas stamme aus Drittstaaten wie Oman oder Nigeria.
Bloomberg konnte nicht bestätigen, ob tatsächlich Lieferungen gekauft wurden. Der Zeitpunkt solcher Angebote ist jedoch kein Zufall. Die faktische Schließung der Straße von Hormus sowie Angriffe auf die weltweit größte LNG-Exportanlage in Katar haben das globale Angebot deutlich verknappt. Etwa ein Fünftel der weltweiten LNG-Mengen ist betroffen, was die Preise steigen ließ und asiatische Abnehmer dazu zwingt, dringend nach Alternativen zu suchen.
Besonders stark betroffen sind Bangladesch und Indien. Bangladesch, das im vergangenen Jahr rund 60 % seines LNG aus Katar bezog, ist nun gezwungen, auf den Spotmarkt auszuweichen und zeitweise nahezu doppelt so viel zu zahlen wie im Rahmen langfristiger Verträge mit Lieferanten aus dem Nahen Osten. Sowohl Bangladesch als auch Indien mussten zudem die Gasversorgung für die Düngemittelindustrie einschränken, da die LNG-Lieferungen zurückgegangen sind.
China bleibt der wichtigste Kanal – doch Moskau will mehr
Indien verfolgt traditionell einen vorsichtigen Ansatz beim Import von sanktioniertem Öl und Gas. Die Regierung hat zuvor erklärt, kein russisches LNG aus sanktionierten Projekten zu beziehen. Gleichzeitig hat Neu-Delhi unter veränderten Rahmenbedingungen Flexibilität gezeigt: Nach einer im vergangenen Monat erteilten allgemeinen Genehmigung des US-Finanzministeriums nahm Indien erstmals seit 2019 wieder Importe von iranischem Öl auf.
Vor diesem Hintergrund baut Russland seine Exporte aus den sanktionierten Projekten Arctic LNG 2 und Portowaja weiter aus, doch der Kreis der Abnehmer bleibt sehr begrenzt. De facto ist China derzeit das einzige Land, das solches russisches LNG importiert, wobei ein Netzwerk sogenannter „Schattenflotten“-Schiffe genutzt wird, um Lieferungen abzuwickeln und die Herkunft der Ladung zu verschleiern.
Für Moskau wäre eine Ausweitung der Lieferungen über China hinaus ein wichtiger Schritt. Dies würde helfen, die Kundenbasis zu diversifizieren und die Auslastung der sanktionierten Anlagen zu erhöhen. Arctic LNG 2, als größtes LNG-Projekt Russlands konzipiert, begann 2024 mit Exporten, hat jedoch aufgrund eines Mangels an Schiffen und der Zurückhaltung potenzieller Käufer bislang nicht seine volle Kapazität erreicht.
In diesem Sinne versucht Russland, die aktuelle Energiekrise in eine wirtschaftliche Chance zu verwandeln. Doch selbst angesichts von Angebotsengpässen und steigenden Preisen bleibt das Risiko sekundärer Sanktionen ein entscheidender Abschreckungsfaktor. Letztlich geht es nicht nur um den Preis, sondern darum, ob asiatische Käufer bereit sind, die politischen Kosten solcher Geschäfte zu tragen.
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