Russland beginnt damit, einen Teil der Verantwortung für den Schutz von Industrieanlagen und kritischer Infrastruktur auf die Unternehmen selbst zu übertragen. Nach Einschätzung von Bloomberg erfolgt dieser Schritt vor dem Hintergrund, dass die Ukraine in diesem Jahr ihre Drohnenangriffe auf Fabriken, Häfen, Ölraffinerien und andere für die russische Wirtschaft wichtige Anlagen deutlich ausgeweitet hat.
Die neue Regelung würde es dem russischen Verteidigungsministerium ermöglichen, Unternehmen den Kauf großkalibriger Luftabwehrsysteme zu gestatten. Gleichzeitig sollen diese Systeme nach Angaben von Quellen der Agentur unter Kontrolle des Militärs bleiben und von Einheiten aus Reservisten bedient werden. Mit anderen Worten: Unternehmen könnten zusätzlichen Schutz für ihre Anlagen finanzieren, würden aber keine vollständige eigenständige Kontrolle über solche Waffen erhalten.
Zur diskutierten Ausrüstung könnten nicht nur Flugabwehrlafetten gehören, sondern auch Radarsysteme, elektronische Kampfführung, Flugabwehrartillerie und weitere Elemente zur Abwehr von Luftzielen. Die russische Nachrichtenagentur RBC hatte zuvor berichtet, dass ein solches Spektrum an Waffen und Ausrüstung im Verteidigungsministerium erörtert werde.
Angriffe auf Raffinerien erzwingen ein Umdenken beim Schutz der Infrastruktur
Grund für diese Entscheidungen ist die starke Ausweitung ukrainischer Angriffe auf russische Energie- und Rohstoffinfrastruktur. In den vergangenen Monaten gerieten einige der größten Ölraffinerien des Landes unter Beschuss. Nach Angaben von Bloomberg griffen Drohnen im vergangenen Monat acht der zehn größten russischen Raffinerien an und drückten die tägliche Rohölverarbeitung auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2009. Dies erhöhte wiederum das Risiko von Kraftstoffengpässen im Inland — gerade zu einem Zeitpunkt, an dem die sommerliche Reisetätigkeit zunimmt. Auch die Düngemittelproduktion wurde gestört.
Die Ukraine hat zudem die Reichweite ihrer Angriffe auf russischem Gebiet ausgeweitet. Ziele befinden sich zunehmend nicht mehr nur in Grenzregionen, sondern auch tief im Landesinneren — bis hin zum Ural, rund 2.000 Kilometer von der Grenze entfernt. Vor diesem Hintergrund forderte Präsident Wladimir Putin eine Stärkung der Luftabwehr.
Große Rohstoff- und Industrieunternehmen, die in Reichweite ukrainischer Drohnen liegen, suchen bereits nach Wegen, ihre Anlagen zu schützen. Einige von ihnen haben nach Angaben von Bloomberg-Quellen aus dem Industriesektor Vereinbarungen mit dem Verteidigungsministerium getroffen, um Flugabwehrsysteme vom Typ „Panzir“ in der Nähe ihrer Werke zu stationieren. Bis vor Kurzem war Luftabwehr jedoch keine Dienstleistung, die Unternehmen einfach bezahlen konnten — so wie Strom, Wasser oder private Sicherheitsdienste.
Der Staat behält die Kontrolle, doch die Unternehmen sollen zahlen
Nun ändert sich die Lage. Am 26. Mai erklärte Alexander Schochin, Präsident des Russischen Verbands der Industriellen und Unternehmer, gegenüber Wladimir Putin, dass Unternehmen Zugang zu Verteidigungsausrüstung wünschen — von Kleinwaffen bis hin zu großkalibrigen Systemen sowie zu Mitteln der elektronischen Kampfführung und Lasertechnologien. Seinen Worten zufolge sind die Unternehmen bereit, solche Maßnahmen selbst zu finanzieren.
Im Kern deutet dies auf ein neues Modell der Verteilung militärischer Kosten innerhalb Russlands hin. Der Staat behält die Kontrolle über die Waffen und deren Einsatz, doch ein Teil der finanziellen Last zum Schutz industrieller Vermögenswerte könnte auf private und staatliche Unternehmen übergehen. Für die Wirtschaft bedeutet dies zusätzliche Kosten; für die Behörden bietet es die Möglichkeit, den Schutzring um Anlagen auszuweiten, die zunehmend anfällig für weitreichende ukrainische Drohnen werden.
Dieses Modell zeigt zugleich, wie ernst das Problem der Angriffe auf russische Infrastruktur geworden ist. Wurden Drohnenangriffe früher vor allem als militärische oder grenznahe Bedrohung wahrgenommen, so wirken sie sich inzwischen direkt auf Ölraffinerien, Exportlogistik, Düngemittelproduktion und den heimischen Kraftstoffmarkt aus. Deshalb versucht der Kreml, die Wirtschaft nicht nur als Steuerzahler oder Ressourcenlieferant in das Verteidigungssystem einzubinden, sondern auch als direkten Teilnehmer an der Finanzierung des Schutzes ihrer eigenen Anlagen.
Dieser Artikel wurde auf Grundlage von bei Bloomberg veröffentlichten Informationen erstellt. Der vorliegende Text stellt eine eigenständige Bearbeitung und Interpretation dar und erhebt keinen Anspruch auf die Urheberschaft der ursprünglichen Inhalte.
Das Originalmaterial ist unter folgendem Link einsehbar: Bloomberg.
Alle Rechte an den ursprünglichen Texten liegen bei Bloomberg.


