Russlands Zentralbank dürfte ihre geldpolitische Lockerung fortsetzen. Nach Angaben von Bloomberg erwarten alle neun befragten Ökonomen, dass die Bank von Russland den Leitzins auf ihrer Sitzung am Freitag auf 14,5 % senken wird. Sollte sich diese Prognose bestätigen, wäre es bereits die fünfte Zinssenkung in Folge um jeweils 50 Basispunkte.
Die Logik dahinter ist recht einfach. Die Wirtschaft verliert an Dynamik, und das lässt sich immer schwerer übersehen. Jüngste Daten deuten auf einen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität hin, was bereits Zweifel an der offiziellen Wachstumsprognose der Regierung für dieses Jahr aufkommen lässt. Die straffen finanziellen Bedingungen, die lange aufrechterhalten wurden, um die Inflation einzudämmen, belasten inzwischen sowohl Unternehmen als auch die Konsumnachfrage immer deutlicher.
Die Abschwächung ist zu sichtbar geworden, um sie noch zu ignorieren
Die Verlangsamung ist inzwischen so offensichtlich, dass Präsident Wladimir Putin öffentlich darauf aufmerksam gemacht und von den Behörden Erklärungen und Maßnahmen verlangt hat. Im russischen System ist das bereits ein Signal an sich: Das Thema hat die rein technische Ebene verlassen und ist politisch geworden.
Dmitri Polewoi, Investmentdirektor bei Astra Asset Management, sagte Bloomberg, dass die Schwäche über eine breite Palette von Indikatoren hinweg sichtbar sei. Aus seiner Sicht sei es kaum überraschend, dass die politische Führung auf eine übermäßige wirtschaftliche Schwäche aufmerksam geworden sei. Das stärke wiederum die Argumente für ein schnelleres Tempo bei der geldpolitischen Lockerung.
Gleichzeitig scheint die Zentralbank weiterhin nicht bereit zu sein, zu aggressiv vorzugehen. Die Währungshüter sehen sich nicht nur mit schwachen Inlandsdaten konfrontiert, sondern auch mit externen Risiken, darunter die Folgen des Krieges im Nahen Osten und Unsicherheiten über die staatlichen Ausgaben. Einige Analysten gehen davon aus, dass ein schärferer Schritt später erfolgen könnte, wenn die Schwäche der Realwirtschaft noch deutlicher wird.
Hohe Finanzierungskosten bremsen Investitionen aus
Für viele Unternehmen fließen die Gewinne inzwischen nicht in Expansion, sondern in die Bedienung teurer Schulden. Das ist vielleicht eine der schmerzhaftesten Nebenwirkungen der lange hoch gehaltenen Zinsen. Die Produktion geht zurück, die Nachfrage schwächt sich ab, und Unternehmen entscheiden sich zunehmend eher fürs Überleben als für Entwicklung.
Vor diesem Hintergrund wirkt selbst eine moderate Zinssenkung wie ein Versuch, wenigstens einen Teil des Drucks zu verringern. Die Frage ist allerdings, ob das ausreichen wird.
Die Inflation verlangsamt sich, doch die Sorge ist nicht verschwunden
Formal hat die Zentralbank durchaus Gründe für vorsichtigen Optimismus. Nach wöchentlichen Daten des Wirtschaftsministeriums verlangsamte sich das Preiswachstum im April auf 5,77 % nach 5,9 % im März. Auch die Inflationserwartungen gingen leicht zurück — auf 12,9 % nach 13,4 % im Vormonat.
Dennoch scheint die Zentralbank weiterhin stärker über einen neuen Inflationsschub besorgt zu sein als über den jüngsten Rückgang der Produktion. Die Bank von Russland hat den Einbruch der Aktivität als vorübergehenden Effekt beschrieben, der mit der Anpassung von Haushalten und Unternehmen an höhere Steuern zusammenhängt.
Nach Einschätzung der Zentralbank hat der Verbrauchersektor diese Anpassung im Wesentlichen bereits abgeschlossen und ist wieder auf Wachstumskurs. Andere Teile der Wirtschaft bewegen sich jedoch deutlich langsamer. Mit anderen Worten: Die Lage bleibt ungleichmäßig und weiterhin ziemlich fragil.
Der Krieg mit Iran sorgt für zusätzliche Nervosität
Ein weiteres Problem ist das außenwirtschaftliche Umfeld. Die Zentralbank hat bereits auf die Konfrontation zwischen den USA und Iran unter Präsident Donald Trump als Quelle längerfristiger Inflationsrisiken hingewiesen. Wie groß die Auswirkungen auf die russischen Preise letztlich sein werden, ist noch unklar, doch allein die Möglichkeit reicht aus, um die Währungshüter vorsichtig zu halten.
Die Grundlogik ist einfach. Ein Konflikt im Nahen Osten kann Importkosten erhöhen, Rohstoffmärkte destabilisieren und neue Unsicherheiten in Handels- und Finanzströme bringen. Das heißt: Selbst wenn die Inlandsnachfrage schwächer wird, könnte importierte Inflation über andere Kanäle zurückkehren.
Auch der Staatshaushalt erhöht den Druck
Die Zentralbank kann die Fiskalpolitik ebenfalls nicht außer Acht lassen. Analysten der Alfa-Bank, auf die sich Bloomberg beruft, weisen darauf hin, dass die Staatsausgaben im ersten Quartal im Jahresvergleich um 17 % gestiegen sind. Zudem besteht das Risiko, dass die Regierung ihren ursprünglichen Ausgabenplan für das Gesamtjahr überschreiten könnte.
Für die Geldpolitik ist das eine unangenehme Konstellation: Je aktiver der Staat Geld ausgibt, desto schwieriger wird es, die Inflation allein mit Zinsen zu bekämpfen. Es ist ein vertrauter russischer Widerspruch — die eine Hand versucht, die Wirtschaft abzukühlen, während die andere sie mit fiskalischen Impulsen weiter stützt.
Exporteure könnten etwas Entlastung bekommen — aber nicht die gesamte Wirtschaft
Es gibt allerdings auch Sektoren, die profitieren könnten. Nach Ansicht der Bank von Russland könnten exportorientierte Branchen von höheren Weltmarktpreisen und einer stärkeren Nachfrage infolge des Konflikts im Nahen Osten profitieren. Zumindest ihre finanziellen Ergebnisse könnten sich verbessern.
Das löst jedoch nicht das grundlegende Problem. Bessere Gewinne einiger Exporteure bedeuten nicht automatisch, dass die Gesamtwirtschaft gesünder wird. Binnenorientierte Sektoren, die stark von Krediten, Konsum und Investitionen abhängen, stehen weiterhin unter deutlich größerem Druck.
Die Abkühlung könnte zu weit gegangen sein
Zentralbankchefin Elwira Nabiullina beschreibt die aktuelle Verlangsamung weiterhin als beherrschbare Abkühlung einer überhitzten Wirtschaft — als einen Prozess, der weitgehend nach Plan verläuft. Dennoch mehren sich die Stimmen von Analysten, die meinen, dass diese Abkühlung inzwischen zu weit gegangen sein könnte.
Andrei Melaschenko von Renaissance Capital, ebenfalls von Bloomberg zitiert, sagt, die Daten des ersten Quartals könnten genau in diese Richtung weisen. Gleichzeitig betont er, dass proinflationäre Risiken keineswegs verschwunden seien — und genau sie begrenzten das Tempo weiterer Zinssenkungen.
Die Lage ist damit unerquicklich und zunehmend angespannt. Die Wirtschaft schwächt sich klar ab, doch die Zentralbank hat nur begrenzten Spielraum für rasche Lockerungen. Das bedeutet wahrscheinlich, dass die Zinsen weiter sinken werden — aber vorsichtig und mit Blick auf jeden neuen externen Schock.
Die Entscheidung am Freitag dürfte eher ein Kompromiss als ein Wendepunkt sein
Sollte die Zentralbank den Leitzins tatsächlich auf 14,5 % senken, sollte das nicht unbedingt als Beginn einer großen geldpolitischen Wende verstanden werden. Wahrscheinlicher ist, dass es sich um einen Kompromiss handelt: Die Wirtschaft braucht Entlastung, aber Inflation, Haushaltsdruck und geopolitische Risiken hindern die Notenbank daran, frei zu handeln.
Deshalb geht es jetzt nicht nur um die Entscheidung am Freitag. Wichtiger ist, was danach kommt — und wie schnell die wirtschaftliche Abschwächung so offensichtlich wird, dass die Bank von Russland gezwungen sein wird, die Zinsen deutlich entschlossener zu senken.
Dieser Artikel wurde auf Grundlage von bei Bloomberg veröffentlichten Informationen erstellt. Der vorliegende Text stellt eine eigenständige Bearbeitung und Interpretation dar und erhebt keinen Anspruch auf die Urheberschaft der ursprünglichen Inhalte.
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