Offizielle Daten signalisieren Fortschritte
Im März 2026 meldete der russische Statistikdienst Rosstat, dass die Armutsquote des Landes auf ein historisches Tief von 6,7 % beziehungsweise 9,8 Millionen Menschen gesunken sei. Alternative Schätzungen und Daten aus sozialwissenschaftlichen Umfragen weisen jedoch auf eine erhebliche Diskrepanz zwischen den offiziellen Zahlen und der tatsächlichen Lage hin.
In den vergangenen Jahren hat Rosstat wiederholt einen Rückgang der Armut verzeichnet und dies mit steigenden Löhnen, höheren Sozialleistungen und großzügigen Zahlungen an Militärangehörige begründet. Insbesondere Freiwillige, die Verträge für die Teilnahme an Kampfhandlungen unterzeichnen, erhalten je nach Region Zahlungen in Höhe des etwa 10- bis 15-Fachen des Existenzminimums. Da das System der Militärverträge in den vergangenen drei Jahren auf rund 1 Million Menschen ausgeweitet wurde, könnte allein dieser Faktor die Armutsquote tatsächlich um 1,5 bis 2,5 Prozentpunkte gesenkt haben.
Die zivile Wirtschaft bleibt unter Druck
Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Dynamik in den meisten zivilen Sektoren schwach. Das Lohnwachstum hat sich verlangsamt, während die Inflation nach Einschätzung von Experten die Realeinkommen der Haushalte weiter schmälert. Das wirft Zweifel daran auf, wie nachhaltig der gemeldete Rückgang der Armut tatsächlich ist.
Nach Angaben sozialwissenschaftlicher Dienste wie der Higher School of Economics, Romir und FOM liegt der Anteil der Russen, die sich selbst als bedürftig bezeichnen — also angeben, sie hätten nur genug Geld für Lebensmittel oder nicht einmal dafür —, zwischen 17 % und 25 %. Dieser Anteil ist weitgehend stabil geblieben und zeigt keine nennenswerte Verbesserung.
Ein weiterer Belastungsfaktor ist die Verschuldung der Haushalte. Ende 2025 hatten rund 50 Millionen Menschen in Russland offene Schuldenverpflichtungen.
Regionale Anreize könnten die Zahlen beeinflussen
Quellen mit Nähe zu Regionalverwaltungen sagen, dass die Senkung der Armut ein zentraler Leistungsindikator für Gouverneure ist und in das System zur Bewertung ihrer Effektivität eingebettet wurde. Nach Angaben dieser Quellen schafft das Anreize für umfangreiche bürokratische Arbeit an der Berichterstattung, die darauf abzielt, positive Dynamik nachzuweisen.
Experten verweisen zudem auf methodische Unterschiede. Rosstat misst Armut anhand eines absoluten Kriteriums, das sich am Existenzminimum orientiert. Soziologen erfassen dagegen subjektive Wahrnehmungen — also ob Menschen das Gefühl haben, nicht genug Geld zu haben. In einem breiteren Umfeld sinkender Lebensstandards kann selbst diese Wahrnehmung verzerrt werden: Menschen vergleichen sich mit ihrem Umfeld und neigen möglicherweise weniger dazu, sich als arm zu bezeichnen, auch wenn sie finanziell unter Druck stehen.
Eine veränderte Methodik erschwert Vergleiche
Seit 2021 hat Russland die Methode zur Berechnung des Existenzminimums geändert. Es wird nun nicht mehr über einen Warenkorb, sondern über das Medianeinkommen der Bevölkerung definiert. Zusätzlich verwendet das Land den Begriff einer „Armutsgrenze“, deren Höhe im Haushaltsgesetz festgelegt wird. Kritiker argumentieren, dass dies den Behörden größere Flexibilität bei der Anpassung des Referenzwerts gibt.
Legt man stattdessen soziologische Kriterien zugrunde, könnten bis zu 50 % bis 60 % der Bevölkerung als finanziell belastet eingestuft werden, einschließlich jener Menschen, die sich größere Anschaffungen oder einen Urlaub nicht leisten können.
Die Armut könnte deutlich höher sein als gemeldet
Regionale Gesprächspartner schätzen die tatsächliche Armutsquote je nach Gebiet auf 14 % bis 16 % in einigen Regionen und auf bis zu 20 % bis 30 % in anderen. Nach ihrer Einschätzung verfügen gerade diese Bevölkerungsgruppen über das größte Protestpotenzial.
Vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage sehen Experten keine strukturellen Faktoren, die einen nachhaltigen Rückgang der Armut gewährleisten könnten. Im Gegenteil: Sollten die derzeitigen Trends anhalten, könnte die Armut weiter steigen — ungeachtet dessen, was die offiziellen Statistiken ausweisen.


