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Russische Wähler wollen vor den Duma-Wahlen niedrigere Preise, Frieden und eine Rückkehr zur „Normalität“

3 Min. Lesezeit
Eine Frau gibt
Eine Frau gibt am 6. September 2024 bei den Gouverneurswahlen in St. Petersburg ihre Stimme ab. Foto: EPA / Anatoly Maltsev

Lebenshaltungskosten, Kriegsmüdigkeit und Internetfreiheit prägen die Stimmung

Niedrigere Inflation, ein Ende des Krieges, Internetfreiheit, eine Reform des Wohnungs- und коммунального хозяйства sowie Lösungen für zentrale soziale und wirtschaftliche Probleme — darunter niedrige Löhne — bilden den grundlegenden Katalog öffentlicher Forderungen vor den Duma-Wahlen im Herbst, so Polittechnologen, die mit nicht öffentlichen Sozialerhebungen vertraut sind.

Forscher der Higher School of Economics haben gemeinsam mit EISI, einem Thinktank mit Nähe zum innenpolitischen Block des Kremls, einen Bericht veröffentlicht, in dem es heißt, Fragen der nationalen Sicherheit und Identität rückten in den Mittelpunkt der Wahlagenda, zusammen mit dem Wunsch nach „Normalität“ und der Krise der Lebenshaltungskosten.

Nach Angaben einer Quelle dient das Dokument als fachliche Unterfütterung für Wahlkampfthemen, die bereits gebilligt wurden und die die Parteien im Wahlkampf aktiv vorantreiben sollen. Die These, nationale Sicherheit sei die oberste Priorität, widerspreche, so die Quelle, „direkt der realen Soziologie“, passe aber zur gegenwärtigen politischen Konjunktur.

Kriegsmüdigkeit verändert die Kampagne

Das prägende Merkmal der aktuellen Wahlkampagne ist eine tiefe Müdigkeit — sowohl bei den Wählern als auch bei den politischen Administratoren — gegenüber dem Krieg und den damit verbundenen Ereignissen. Ein weiteres Kennzeichen ist der Verlust der Gewissheit, dass eine Rückkehr zum früheren Leben möglich ist. Alte Illusionen werden durch eine neue Realität ersetzt.

Ein Moskauer Soziologe sagte, die wichtigsten gesellschaftlichen Forderungen seien gut erforscht und in den vergangenen Jahren weitgehend stabil geblieben. Hinzugekommen seien nur wenige neue Themen, die vor allem aus Verboten und Einschränkungen entstanden seien — allen voran die Frage der Internetfreiheit und der digitalen Rechte.

Die Liste der zentralen Probleme habe sich kaum verändert: Inflation, Wohnungs- und Kommunaldienstleistungen sowie das Gesundheitswesen stünden weiterhin ganz oben. Der Wunsch nach Sicherheit bleibe zwar das wichtigste Thema, werde aber unmittelbar mit der Erwartung verknüpft, dass der Krieg endet. Im fünften Kriegsjahr werde es, so die Quelle, immer schwieriger, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass eine Fortsetzung des Krieges zu mehr Sicherheit führt.

Im Gegenteil: Die Lage in Grenzregionen wie Brjansk, Belgorod und anderen Gebieten sowie Drohnenangriffe auf Industrieanlagen in verschiedenen Regionen des Landes erzeugten die gegenteilige Wahrnehmung.

Offizielle Narrative verlieren an Wirkung

Propagandistische Narrative rund um den Krieg verlieren spürbar an Wirksamkeit. Nach Einschätzung verschiedener Meinungsforschungszentren sprechen sich rund zwei Drittel der Bevölkerung für ein möglichst rasches Ende des Krieges aus. Das Parteiensystem ist jedoch nicht in der Lage, dieser zentralen gesellschaftlichen Forderung gerecht zu werden. Stattdessen wird versucht, sie in eine Agenda der Stärkung der nationalen Sicherheit umzudeuten und mit übersteigerter Heroisierung zu versehen.

Die Abschaltungen des mobilen Internets haben das Vertrauen in den Begriff „Sicherheit“ zusätzlich untergraben — zumindest unter gebildeten Bewohnern großer Städte. Nach Angaben der Quelle sind mehr als 90 % der Bevölkerung in Moskau, St. Petersburg und anderen Millionenstädten nicht bereit, ein solches Modell von „Sicherheit“ zu akzeptieren. Im landesweiten Maßstab befindet sich dieser Bewusstseinswandel jedoch erst im Entstehen.

Arbeitsrechte und Umverteilung gewinnen an Bedeutung

Ein weiterer feststellbarer Trend ist die wachsende Nachfrage nach einem stärkeren Schutz der Arbeitnehmerrechte. Vor dem Hintergrund des faktischen Bedeutungsverlusts der Gewerkschaften und der Angst vor Arbeitsplatzverlust — die etwa ein Drittel der Beschäftigten teilt — wird dieses Thema besonders aktuell.

Insgesamt, so die Quellen, haben sich die gesellschaftlichen Stimmungen in Russland heute deutlich nach links verschoben: Die Agenda des Sozialstaats und der Umverteilung ist stärker gefragt als imperiale Rhetorik oder rechtsradikale Parolen der „Einheit angesichts eines äußeren Feindes“, deren Mobilisierungspotenzial sich allmählich erschöpft. Es sei kein Zufall, fügen sie hinzu, dass die Sicherheitsstrukturen aktiv gegen alle nicht loyalen Gewerkschaftsaktivisten vorgehen.

Zugleich wächst der Wunsch nach Lösungen für innere Probleme: Entwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen, Verbesserung der Lebensqualität und Verringerung sozialer Ungleichheit. Es gibt viele Fragen zum Erhalt des Status der Selbstständigen, zur Senkung der Steuerlast und zu ihrer stärkeren Verlagerung auf die Superreichen. In Industriezentren bleibt das Interesse an Umweltthemen hoch, doch dieses Feld ist faktisch unterdrückt, sodass es den Parteien schwerfallen dürfte, es zu artikulieren.

Migration und Betrug haben an politischer Schärfe verloren

Auch das Thema Migration verliert an früherer Schärfe. Nach der Tragödie in der Crocus City Hall im März 2024 war ein sprunghafter Anstieg der Forderungen nach einer Verschärfung der Politik zu beobachten, doch inzwischen ist ein erheblicher Teil der politischen Dividende aus diesem Thema bereits aufgebraucht.

Gleichzeitig wächst in der Gesellschaft das Verständnis dafür, wie stark die Wirtschaft von der Arbeit von Migranten abhängt.

Der Schutz vor Betrug bleibt ein wichtiges Thema, auch wenn sein mobilisierendes Potenzial deutlich nachgelassen hat. Das hängt zum großen Teil damit zusammen, dass das Thema Betrug für den Staat eine eher begleitende Rolle bei der Lösung anderer Aufgaben spielt. Der Betrug selbst wird zugleich nicht durch Polizeiarbeit beseitigt. Im Gegensatz dazu erscheinen digitale Rechte als eines der politisch vielversprechendsten Themen, obwohl den Parteien nach Angaben der Quelle faktisch empfohlen wurde, dieses Thema öffentlich nicht weiterzuentwickeln.

Die Parteien dürften sich auf Themen zweiter Ordnung konzentrieren

Im Wahlkampf werden die Parteien voraussichtlich eine Vielzahl lokaler Initiativen präsentieren: vorgezogene Renten für medizinisches Personal, Unterstützung für kinderreiche Familien, Versprechen höherer Sozialleistungen sowie Ideen direkter Verträge zwischen Bürgern und Verwaltungsgesellschaften im Bereich Wohnen und коммунальные услуги.

Insgesamt befindet sich das russische Parteiensystem, so das Fazit der Quelle, in einem Zustand, in dem es nicht in der Lage ist, auf die grundlegenden Forderungen der Gesellschaft zu reagieren. Die Schlüsselfrage ist dabei faktisch ausgeklammert worden. Unter diesen Bedingungen werden sich die Parteien voraussichtlich auf Themen zweiter und dritter Ordnung konzentrieren, eine attraktive, aber nachrangige Agenda formen und es vermeiden, mit Einiges Russland um die wichtigste Wählerressource zu konkurrieren.

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